9. Mai – Tag des Sieges

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Während in Deutschland und Europa in diesen Tagen den Opfern des Krieges gedacht wird und die Freundschaft zwischen den Völkern beschworen, findet in Moskau auf dem Roten Platz die größte Militärparade der russischen/sowjetischen Geschichte statt. Das patriotische Russland feiert sich.

Eines der berühmtesten Lieder über den Großen Vaterländischen Krieg, 
wie der 2. Weltkrieg in Russland genannt wird. Empfiehlt sich beim Lesen zu hören.

Der 9. Mai, der Tag des Sieges, ist vielleicht der wichtigste nationale Feiertag in Russland und selbst wenn er es nicht ist, nehme ich mir den vergangenen Tag zum Anlass, meine Eindrücke darüber mit euch zu teilen.

Schon seit Wochen bereitet sich ganz Russland auf das 70jährige Jubiläum des Ende des Zweiten Weltkrieges vor. In der Werbung im Fernsehen und auf den Straßen sieht man das Logo dieses Feiertages, seit ein paar Tagen tragen immer mehr Russen das St.-Georgs-Band, an den Schulen fanden Wettbewerbe im Marschieren statt, deren Gewinner am gestrigen 9. Mai dann an einem „Schaulaufen“ bei den offiziellen Feierlichkeiten im Zentrum der Stadt teilnehmen durften,

Auch ich wurde von vielen Seiten zu den Festakten eingeladen. Über diese Offenheit gegenüber Deutschen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg wunderten sich schon viele, ich finde sie sehr beispielhaft. Schade fand ich nur, dass sich kaum einer traute mich direkt auf meine Meinung zu diesem Feiertag anzusprechen, sondern stattdessen Gastmutter und -Schwester gefragt wurden. Dabei hätte ich viel zu sagen gehabt. Zum Beispiel, dass ich es richtig finde, den Opfern zu gedenken und sich an dIe Grausamkeit des Krieges zu erinnern, dass wir das in Deutschland auch tun. Aber auch, dass ich der Meinung bin, jede Armee der Welt stelle eine Gefahr für den Frieden dar, dass ich Militärparaden albern finde, dass ich solche Machtdemonstrationen für falsch halte und, dass sich die Russen nicht wundern sollen, dass westliche Staatschef an sowas nicht teilnehmen. Und ich hätte dem Fragenden erzählt, dass Hitlerdeutschland einen Krieg verloren hat, das deutsche Volk aber Freiheit, Demokratie und Frieden gewonnen und dass jeder Deutsche dafür dankbar ist. Vielleicht hätte ich auch noch gesagt, dass das deutsche Volk aus dem Krieg gelernt hat, dass die Schuld aber auch meine Generation noch belastet und dass ich froh darüber bin, dass wir keine Wehrpflicht mehr haben, weil ich glaube, dass heute sehr viele Deutsche den Armeedienst verweigern würden, selbst im Falle eines Kriegs.

Ich habe das alles mit sehr gemischten Gefühlen beobachtet. Ich habe gelächelt und versichert, wie sehr mir alles gefalle. Weil alles andere wahrscheinlich als Beleidung aufgefasst worden wäre. Man stellt in Russland den militärischen Patriotismus nicht in Frage. Und so hab ich mir die Soldaten, Kinder und Jugendlichen in Uniformen einfach schweigend angeschaut und dabei zu meinem eigenem Erschrecken festgestellt, dass ich diese marschierenden jungen Männer tatsächlich sexy finde. Aber sie machen mir auch Angst, weil ich es da mit Kurt Tucholsky halte, der schreibt: „Jubel über militärische Schauspiele ist eine Reklame für den nächsten Krieg; man drehe diesem Kram den Rücken oder bekämpfe ihn aktiv. Auch wohlwollende Zuschauer sind Bestärkung.“

Was soll ich noch sagen?! Man feiert sich in Russland am 9. Mai. Die Parade (originale Aufzeichnung hier) in Moskau ist eine Machtdemonstration und wird vom Volk gefeiert. Der Tag des Sieges ist ein Fest des Patriotismus und wahrscheinlich kann ich diesen Nationalstolz einfach nicht nachempfinden und finde die gesamte Veranstaltung deshalb so (ich kann es nicht anders sagen) scheiße. Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und Militärparaden bis dato nur im Fernsehen im Zusammenhang mit dem Dritten Reich gesehen habe, weil ich sehr links sozialisiert bin und Soldaten mit Unterdrückung, Gewalt und Traumata assoziiere, und im Endeffekt auch, weil mir in der Schule beigebracht wurde, dass es von Patriotismus kein weiter Weg zu Nationalismus ist.

Der von den Russen häufig benutzte Satz „Hauptsache kein Krieg“ verliert für mich irgendwie an Glaubwürdigkeit, wenn ich das alles sehe und Liedzeilen höre, wie Если завтра война, если враг нападет, если темная сила нагрянет, – как один человек, весь советский народ за свободную Родину встанет. (Wenn morgen Krieg wäre, wenn uns morgen der Feind überfiele, wenn die dunkle Macht einfiele – wie ein Mann würde sich das sowjetische Volk für eine freie Heimat erheben). Hoffen wir, dass mein mulmiges Gefühl bei dem Ganzen vollkommen unbegründet ist und ich schlicht aufgrund meiner Herkunft die Feierlichkeiten gänzlich falsch interpretiere.

Ich würde jetzt gerne mit so einem richtig schlauen Zitat enden, aber irgendwie bin ich nicht in der Stimmung dazu. Deswegen:

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3 Gedanken zu “9. Mai – Tag des Sieges

  1. Vielen Dank für deine offene Aussage zum Thema 9. Mai, das weiß ich wirklich zu schätzen. Ich könnte zu jedem Punkt etwas sagen und erklären, warum es so ist, aber es würde in einer langen Diskussion enden. 🙂 Um zu verstehen, warum und wieso, muss man nicht nur die Geschichte von 1941-45 kennen, sondern auch die von den letzten 20 Jahren.

    Aber ein paar Worte doch. Nationalismus heißt „Eine Nation über alles“. Patriotismus heißt (vereinfacht) „Meine Heimat über alles“. Russland ist multinational, und der Sieg im Krieg hat man nicht nur Russen, sondern allen anderen Nationen in der Soviel Union zu verdanken. Das verbindet. Die Parade, die Feierlichkeiten schweißt verschiedene Nationen zusammen. Das ist eine Impfung gegen den Nationalismus.

    Nimm es bitte nicht übel, aber einige Sachen versteht man eher mit Lebenserfahrung. 🙂

    • Ich nehm dir gar nichts übel 🙂 ich berichte ja auch einfach von dem Eindruck, den ich hatte und ich hoffe in meinem letzten Absatz ist klar geworden, dass ich selbst weiß, dass ich mit allem falsch liege(n kann). Und auch wenn es so klingen mag, wollte ich nicht sagen, dass ich finde, dass Russland nationalistisch ist. Eher, dass ich den Patriotismus nicht nachvollziehen kann.
      Das mit dem “verschiedene Nationen zusammen” haben mir meine russischen Bekannten auch so erzählt. Verstehen kann ich das (noch) nicht. Aber dafür macht man ja einen Schüleraustausch, um seine Horizonte zu erweitern 🙂

    • OK, danke für dein Feedback 🙂

      Wie gesagt, vieles liegt in der Geschichte. Nach der Zerfall der Sowjet Union gaben es viele Bürgerkriege in den ehemaligen Republiken, weil man das Thema „Nationalität“ von draußen künstlich angeregt hat. Da gingen Völker aufeinander, die Generationen für Generationen friedlich miteinander gelebt hatten. Man findet ja immer gleich was einen von den anderen unterscheidet. Es endet oft in einem Blutbad.

      Hah, ich hab’s. Kennst du den Begriff „Teambildung“ und warum es wichtig ist? Also, die Feier am 9. Mai ist eine Teambildungsmaßnahme für das ganze Land. 🙂 Es klingt fast wie eine Lästerung, aber da ist was wahres dran.

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